Bürgermeister Dr. Benjamin Fadavian mittendrin im inspirierten Austausch von kommunalen Wirtschaftsförderern und zivilgesellschaftlich Engagierten.

Mehr Gemeinwohl ist nicht nur denkbar, sondern auch machbar

Workshop im Nell-Breuning-Haus zeigte konkrete Chancen für eine nachhaltige Ausrichtung von Wirtschaftsförderung auf

Wie entwickelt sich das Rheinische Revier? Nach welchen Kriterien entscheiden sich Kommunen, wenn sie mit ihren Möglichkeiten Wirtschaft fördern? Welche Unternehmen erhalten zum Beispiel den Zuschlag bei knappen Gewerbeflächen? Wer wird beraten und bezuschusst?
Wessen logistischen und vertrieblichen Rahmenbedingungen verbessert man? Mit welchen Projekten stärkt man den lokalen und regionalen Wirtschaftsstandort, im Wettbewerb um Unternehmen und um Fachkräfte? Lauter wichtige Fragen, auf die im Zuge der einsetzenden sozial-ökologischen Transformation aktualisierte Antworten gesucht werden.

Ein idealer Moment, um über die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) zu sprechen, wie es am 5. November 2021 im Nell-Breuning-Haus geschah. Spannend und produktiv die Zusammensetzung des Plenums, die einen interdisziplinären Blick unterstützte. Kommunale Fachleute aus Wirtschaftsförderungen und Querschnittsstellen, die sich zum Beispiel um das städtische Klimamanagement kümmern, trafen auf zivilgesellschaftlich Engagierte aus der GWÖ-Bewegung, aus Beschäftigungsinitiativen und katholischer Arbeitnehmerbewegung. Auch kommunalpolitisch Engagierte saßen mit am Tisch, ließen sich inspirieren für laufende und künftige Vorhaben.

Zwei Experten begleiteten diese bunte Runde auf ihrem Weg, jeweils mit starkem Fokus auf praktische Aspekte. Denn im Alltag müsse der Ausgleich zwischen den Interessen und Sichtweisen gelingen, wie eingangs Bürgermeister Dr. Benjamin Fadavian für die mitveranstaltende Stadt Herzogenrath skizzierte. Wer Nachhaltigkeit in der Entwicklung des Rheinischen Reviers und der kommunalen Wirtschaft wolle, müsse Gegensätze auflösen. Die Herausforderung laute, den Strukturwandel zu steuern, ohne planwirtschaftlich unterwegs zu sein. Es gelte, regionale Innovationskräfte zu stärken und so eine Dynamik auszulösen, welche der gemeinsamen Verantwortung für das Gemeinwohl heutiger und künftiger Generationen gerecht werde.

Schneisen in das Verständnis dieser komplexen Aufgabe schlug Dr. Michael Kopatz. Der Abteilungsleiter vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie warb für erweiterte Blickwinkel. Zum einen gehe es darum, bewusste Entscheidungen zu treffen, welche Branchen, Produktionen und Dienstleistungen künftig wachsen sollen, welche eher stagnieren und welche eher schrumpfen. Als Kommunen habe man es im Griff, ob bei der Vergabe von Gewerbeflächen klimaschädliche Logistikzentren zum Zuge kommen, die kaum Beschäftigungseffekte und Steueraufkommen generierten, oder kleinteiligere Ansiedlungen mit innovativen, nachhaltigen Konzepten, welche attraktive und qualifizierte Arbeitsplätze bieten und die Wertschöpfung in der Region belassen.

Zum anderen gelte es, Wirtschaft ganzheitlicher zu verstehen. Das erfordere nachzuvollziehen, dass auch soziale Unternehmen und gemeinnützige Initiativen ihren Beitrag zum Wohlstand einer Region beitragen und so ebenso förderwürdig seien wie andere wirtschaftliche Akteure. Kopatz plädierte zudem dafür, stärker als bisher neue Ansätze für lokalen Handel, lokale Dienstleistungen, lokale Landwirtschaft in den Blick zu nehmen und die dort engagierten Unternehmerinnen und Unternehmer zum Beispiel mit gemeinsamen Marketing-, Einkaufs- und Vertriebsstrukturen zu unterstützen. Aus vielen Kommunen kennt der Wissenschaftler Ansätze, welche erfolgreich die Alltagsarbeit von Wirtschaftsförderungen mit Zielen wie einer gesteigerten Lebensqualität für die Menschen, die in der Region leben und arbeiten, verbinden. Es ist also nicht nur denkbar, sondern auch machbar. Kopatz fasst dies unter dem griffigen Titel „Wirtschaftsförderung 4.0“ zusammen.

Schon einige Schritte auf dem anspruchsvollen Weg gegangen ist die Wirtschaftsförderung in Bornheim, wie deren Leiter Joachim Strauss bei dem Workshop im Nell-Breuning-Haus skizzierte. Sie hat sich dem anstrengenden Prozess unterworfen, alle Strukturen und Abläufe der eigenen Arbeit auf ihren Beitrag zum Gemeinwohl hin zu untersuchen. Diese Selbstprüfung und Selbstoptimierung nach den GWÖ-Kriterien haben der kommunal getragenen GmbH geholfen, sich weiterzuentwickeln. Wirtschaft neu zu verstehen, in ihrer Wechselwirkung mit dem Lebensglück möglichst vieler Menschen, geht weit über eine akademische Fingerübung hinaus. Denn wenn man die Welt einmal so sieht, fallen Entscheidungen anders. Die eigene Erfahrung aus der Gemeinwohlbilanzierung zeigt, an wie vielen kleinen Stellschrauben man drehen kann, um nachhaltige Entwicklung zu unterstützen.

In diesem Sinne authentisch und glaubwürdig mit Unternehmen und Kommunalpolitik reden zu können, begreift Joachim Strauss als großen Vorteil. So gewinnen Maßnahmen bei Erschließung und Belegung von Gewerbegebieten an Akzeptanz, wie auch neue Fokussierungen in der Förderpolitik. In seinem Praxisbericht bekräftigte der Bornheimer Wirtschaftsförderer die Hubschrauberperspektive des Wuppertaler Wissenschaftlers: Über Ausschreibungsbedingungen ließen sich regionale und lokale Wirtschaftskreisläufe stärken, über Ansiedlungskriterien eine nachhaltige Entwicklung der Wirtschaftsstrukturen vor Ort unterstützen. Auch die Wirtschaftsförderung könne Vorhaben der Transformation etwa in den Sektoren Energie und Verkehr initiieren und vitalisieren. Dazu brauche sie die Vernetzung mit anderen Akteuren, die sich in der Regional- und Stadtentwicklung engagieren.

Das Nell-Breuning-Haus, selbst als gemeinwohlbilanzierte Bildungseinrichtung ein Pionier des Gedankens in der StädteRegion Aachen, nimmt dieses Fazit der Veranstaltung als Auftrag mit, resümierte Leiter Dr. Manfred Körber. Der Strukturwandel im Rheinischen Revier, der bisher eher sektoral betrachtet und bearbeitet wird, braucht eine Inspiration, wie sie in solchen interdisziplinären Austauschen wie am 5. November entsteht. Überall in der Region machen sich Akteure auf den Weg, Nachhaltigkeit ganzheitlich zu verstehen. Es braucht gemeinsame Beratungen, um ihre Expertise und Blickwinkel zu verzahnen und in die Strukturentwicklung einfließen zu lassen. So kann dann auch gelingen, was sich Bürgermeister Dr. Benjamin Fadavian eingangs wünschte: Gegensätze aufzulösen, Brücken zu schlagen und gemeinsam zu gestalten.

Text und Foto: Thomas Hohenschue

Datum:09.11.2021

Pressearchiv

FilterungArtikelsuche von

bis



 
© 2012 Stadtverwaltung Herzogenrath . Rathausplatz 1 . 52134 Herzogenrath